Warum wir Hunde nicht vermitteln
Eine Frage, die uns immer wieder gestellt wird, lautet:
„Warum vermittelt ihr die Hunde nicht einfach?“
Und ehrlich gesagt: Die Antwort darauf ist nicht ganz so einfach.
Natürlich wäre es schön, wenn jeder Hund irgendwann sein perfektes Zuhause finden würde. Ein Zuhause mit Zeit, Geduld, Sicherheit und Menschen, die bleiben – auch dann, wenn es schwierig wird.
Aber die Realität sieht oft anders aus.
Viele unserer Hunde sind alt. Manche sind krank. Andere haben schlechte Erfahrungen gemacht, jahrelang isoliert gelebt oder nie gelernt, Menschen wirklich zu vertrauen. Einige benötigen Medikamente, besondere Rücksicht oder einfach ein Umfeld, das ruhig, verlässlich und vorhersehbar ist.
Viele dieser Hunde sind nicht „einfach“.
Und genau deshalb möchten wir ihnen ersparen, immer wieder neu anfangen zu müssen.
Ein Zuhause auf Zeit – immer und immer wieder
Ein Hund, der mehrfach sein Umfeld verliert, verliert oft weit mehr als nur einen Platz zum Schlafen.
Er verliert Bezugspersonen, Sicherheit, Routinen, Vertrauen und Orientierung. Alles, was für uns selbstverständlich erscheint, muss für den Hund plötzlich neu aufgebaut werden.
Gerade Hunde aus dem Tierschutz haben in ihrem Leben häufig bereits mehrere Brüche erlebt. Manche wurden ausgesetzt. Andere abgegeben. Wieder andere wurden von einem Ort zum nächsten weitergereicht oder haben lange Zeit in Tierheimen, Auffangstationen oder ungeeigneten Haltungsbedingungen gelebt.
Jeder Wechsel bedeutet für den Hund erneut, sich an neue Menschen, neue Regeln, neue Geräusche und eine neue Umgebung anzupassen. Er muss lernen, wem er vertrauen kann, was von ihm erwartet wird und ob dieser neue Ort tatsächlich dauerhaft bleibt.
Besonders Angsthunde oder ältere Hunde leiden häufig enorm unter solchen Veränderungen. Manche ziehen sich zurück und wirken plötzlich wieder wie am ersten Tag. Andere reagieren mit Stress, Unsicherheit oder gesundheitlichen Problemen. Nicht selten gehen mühsam aufgebaute Fortschritte zunächst wieder verloren.
Natürlich gibt es Hunde, die mit einem Wechsel gut zurechtkommen. Junge, stabile und anpassungsfähige Hunde finden sich oft erstaunlich schnell in neuen Situationen zurecht.
Aber es gibt eben auch viele Hunde, die genau daran zerbrechen.
💡 Häufiger Irrtum
Viele Menschen gehen davon aus, dass jeder Hund unbedingt ein neues Zuhause braucht. Tatsächlich brauchen viele Hunde vor allem eines: Stabilität. Für manche Tiere bedeutet ein weiterer Umzug nicht eine neue Chance, sondern vor allem neuen Stress, neue Unsicherheit und den Verlust vertrauter Bezugspersonen.
Deshalb stellen wir uns bei jedem Hund dieselbe Frage:
Braucht dieser Hund wirklich noch einen Neuanfang – oder braucht er endlich Stabilität?
Es sind unsere Hunde – keine Vermittlungstiere
Dazu kommt etwas anderes, das viele Menschen zunächst nicht verstehen.
Unsere Hunde leben nicht irgendwo „verwahrt“ in Zwingern, bis irgendwann eine Vermittlung stattfindet. Alle leben direkt mit uns im Alltag. Im Haus. Im Rudel. In unserem Leben.
Wir kennen ihre Eigenheiten, ihre Vorlieben und ihre Ängste. Wir wissen, wer morgens als Erster aufstehen möchte, wer bei Gewitter Schutz sucht, wer sein Futter lieber in Ruhe frisst und wer nachts am liebsten direkt neben einem anderen Hund schläft.
Mit der Zeit werden diese Hunde Teil unseres Alltags. Sie sind keine Nummer auf einer Vermittlungsliste und keine Tiere, die lediglich auf den nächsten Interessenten warten.
Es sind unsere Hunde.
Viele von ihnen bleiben jahrelang bei uns. Manche bis an ihr Lebensende. Wir begleiten sie durch Krankheiten, durch gute und schlechte Tage, durch Tierarztbesuche, Operationen und manchmal auch bis zu ihrem letzten Weg.
Genau deshalb würden wir bei einer möglichen Vermittlung extrem hohe Anforderungen stellen. Wer einen unserer Hunde übernimmt, übernimmt nicht einfach irgendeinen Hund aus dem Tierschutz. Er übernimmt ein Lebewesen, das uns teilweise über Jahre ans Herz gewachsen ist. Und deshalb tragen wir auch die Verantwortung dafür, wem wir diesen Hund anvertrauen.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum wir viele Vermittlungen kritisch sehen. Nicht weil wir Hunden kein Zuhause gönnen würden. Sondern weil wir wissen, wie schwer die Folgen sein können, wenn dieses Zuhause doch nicht das Zuhause für immer ist.
Die Realität hinter Vermittlungen
Hinzu kommt ein ganz praktischer Punkt:
Unser Verein besitzt keine Vermittlungsgenehmigung des Veterinäramts.
In unserem Veterinäramts-Bereich reicht dafür weder langjährige Erfahrung noch ein großer Sachkundenachweis nach § 11 aus. Gefordert werden bestimmte berufliche Qualifikationen im Tierbereich, etwa als Tierpfleger oder tiermedizinische Fachangestellte.
Die fehlende Vermittlungsgenehmigung ist jedoch nicht der einzige Grund, warum wir keine Hunde vermitteln.
Wir leben in Ungarn. Die meisten Interessenten sitzen in Deutschland. Ein persönliches Kennenlernen ist dadurch deutlich schwieriger. Ebenso die realistische Einschätzung des Umfelds, der Erwartungen und der tatsächlichen Möglichkeiten der Interessenten.
Natürlich kann man telefonieren, Fotos austauschen oder Videogespräche führen. Aber all das ersetzt nicht den persönlichen Eindruck vor Ort. Wer viele Jahre im Tierschutz tätig ist, weiß, dass zwischen dem, was Menschen erzählen, und dem, was sie tatsächlich leisten können oder möchten, manchmal erhebliche Unterschiede liegen.
Und so ehrlich muss man leider auch sein:
Nicht jeder Mensch, der gerne einen Hund hätte, ist automatisch ein gutes Zuhause.
Die meisten Interessenten meinen es gut. Aber gute Absichten allein reichen nicht immer aus. Gerade Hunde mit gesundheitlichen Problemen, Verhaltensauffälligkeiten oder besonderen Bedürfnissen stellen oft Anforderungen, die man erst im Alltag wirklich versteht.
Deshalb sehen wir unsere Verantwortung nicht nur darin, einen Hund irgendwo unterzubringen. Unsere Verantwortung besteht darin, sicherzustellen, dass dieser Hund auch langfristig gut aufgehoben ist.
Vorkontrollen, Transporte und Rückgaben
Auch Vorkontrollen sind aus dieser Entfernung schwierig umzusetzen.
Natürlich gibt es viele engagierte Menschen und Gruppen, die Vereine dabei unterstützen. Trotzdem kennt man nie vollständig die Maßstäbe, Erfahrungen und Einschätzungen anderer Personen. Was für den einen ein ideales Zuhause ist, würde ein anderer möglicherweise völlig anders bewerten.
Und dann kommt noch der Transport hinzu.
Eine Fahrt nach Deutschland bedeutet für uns – je nach Ziel – oft zwei Tage unterwegs zu sein. Und natürlich müssen wir danach auch wieder zurück.
Viele Menschen sehen dabei nur den Moment der Übergabe. Sie sehen nicht die Organisation im Hintergrund, die langen Fahrten, die Kosten und die Verantwortung, die mit jedem einzelnen Hund verbunden sind.
Vor allem aber sehen sie häufig nicht, was passiert, wenn eine Vermittlung scheitert.
Denn auch dann bleibt die Verantwortung nicht beim neuen Halter, sondern landet oft wieder beim Verein.
Genau deshalb betrachten wir Vermittlungen heute deutlich kritischer als noch vor vielen Jahren. Nicht, weil wir Hunden kein Zuhause wünschen würden. Sondern weil wir wissen, wie schwer die Folgen sein können, wenn dieses Zuhause doch nicht für immer bleibt.
🐾 Aus unserer Erfahrung
Wir haben bereits erlebt, dass Hunde trotz ausführlicher Aufklärung, großer Begeisterung und scheinbar idealer Voraussetzungen nach kürzester Zeit wieder weg mussten. Teilweise nach nur wenigen Tagen. Nicht weil der Hund etwas falsch gemacht hätte, sondern weil die Realität plötzlich nicht mehr zu den Erwartungen passte.
Genau solche Erfahrungen machen vorsichtig.
Was viele dabei nicht bedenken: Für uns würde eine Rücknahme bedeuten, erneut hunderte Kilometer zu fahren, erneut mehrere Tage unterwegs zu sein und erneut erhebliche Kosten und Belastungen zu tragen – emotional wie organisatorisch.
Ganz abgesehen davon, dass solche Fahrten irgendwann schlicht gesundheitlich und sicherheitstechnisch problematisch werden.
Wenn Hunde vermittelbar sind
Natürlich gibt es manchmal Hunde, die grundsätzlich gut vermittelbar wären.
In solchen Fällen arbeiten wir mit mehreren erfahrenen Tierschutzvereinen und einem guten Tierheim in unserer Nähe zusammen, die legal nach Deutschland vermitteln dürfen und über die nötigen Strukturen, Kontakte und Genehmigungen verfügen.
Diese Hunde werden dann möglichst direkt an passende Stellen weitergegeben und gar nicht erst als Vermittlungshunde auf unserer Vereinsseite vorgestellt.
Vielleicht ist „Bleiben dürfen“ manchmal das größte Geschenk
Nicht jeder Hund braucht ein neues Zuhause.
Manche Hunde brauchen vor allem die Sicherheit, dass sie nicht noch einmal von vorne anfangen müssen.
Viele unserer Hunde haben in ihrem Leben bereits genug verloren. Manche wurden abgegeben, ausgesetzt oder immer wieder weitergereicht. Andere haben nie erlebt, wie es sich anfühlt, wirklich irgendwo dazuzugehören.
Irgendwann kommt für manche Hunde der Punkt, an dem nicht noch ein weiterer Neuanfang die Lösung ist.
Manchmal besteht Tierschutz nicht darin, einen Hund weiterzuvermitteln. Sondern darin, ihm einen Ort zu schenken, an dem er für immer bleiben darf.
Vielleicht ist genau das manchmal die wichtigste Form von Tierschutz.
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Über die Autorin
Birgit Hilse leitet seit 2007 den Gnaden- und Seniorenhof von Pusztamonster e.V. Ihre Erfahrungen stammen aus dem täglichen Zusammenleben mit alten, chronisch kranken, ängstlichen und nicht vermittelbaren Hunden sowie aus langjähriger praktischer Tierschutzarbeit.
Sie verfügt unter anderem über die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz und verbindet praktische Erfahrung mit fachlicher Weiterbildung und einer realistischen Einordnung des Hundealltags.
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Über Pusztamonster e.V.
Pusztamonster e.V. Gnaden- und Seniorenhof ist ein Tierschutzverein mit eigenem Gnadenhof in Ungarn. Bei uns leben vor allem alte, kranke, gehandicapte und traumatisierte Hunde, die oft nicht mehr vermittelt werden können oder sollen.
Seit fast 30 Jahren begleiten wir Hunde mit ganz unterschiedlichen Geschichten – von Seniorenhunden über Angsthunde bis hin zu ehemaligen Kettenhunden und Hunden mit besonderen Bedürfnissen.
In unserem Blog teilen wir Erfahrungen, Geschichten und Einblicke aus dem Alltag mit mehr als 30 Hunden – ehrlich, persönlich und direkt aus dem Leben auf dem Gnadenhof.