Ein ganz normaler Tag auf unserem Gnadenhof

 

Einen ganz normalen Tag gibt es auf einem Gnadenhof eigentlich nicht.

Und trotzdem beginnt fast jeder Tag mit denselben Fragen:

Sind alle da? Sind alle aufgestanden? Frisst jeder? Braucht jemand heute mehr Aufmerksamkeit als gestern?

Die Antworten bestimmen, wie der Tag weitergeht.

Von außen werden im Tierschutz vor allem die großen Momente gesehen. Eine Rettung. Eine Operation. Ein Hund, der sich nach langer Zeit erstmals anfassen lässt.

Der Alltag dazwischen ist viel unspektakulärer. Er besteht aus unzähligen kleinen Abläufen, die zuverlässig funktionieren müssen – morgens, mittags, abends und notfalls auch nachts.

 

Der Tag beginnt mit dem ersten Rundgang

Bevor der eigentliche Tagesplan eine Chance bekommt, kommen die Tiere.

Der erste Rundgang ist nicht nur eine Gelegenheit, Türen zu öffnen und alle hinauszulassen. Er ist gleichzeitig die erste Kontrolle des Tages.

Wer steht sofort auf? Wer braucht länger? Läuft jemand anders als am Abend zuvor? Hat ein Hund in der Nacht erbrochen, Durchfall gehabt oder einen Liegeplatz ungewöhnlich oft gewechselt? Wirkt jemand unruhig, auffällig still oder schlicht nicht wie sonst?

Bei mehr als 30 Hunden kann man diese Fragen nicht mit einem einzigen Blick beantworten. Man kennt seine Hunde, ihre Gewohnheiten und ihre üblichen kleinen Eigenheiten. Gerade deshalb fällt auf, wenn etwas nicht zum gewohnten Bild passt.

Meistens beginnt der Tag ohne großen Zwischenfall.

Aber auch dann beginnt er mit Hinschauen.

 

Medikamente, Fütterung und besondere Bedürfnisse

Auf unserem Gnadenhof leben viele Senioren und chronisch kranke Hunde. Damit ist die morgendliche Versorgung nicht mit dem Füllen einiger Futternäpfe erledigt.

Manche Hunde brauchen Medikamente. Andere erhalten Spezialfutter oder müssen besonders beobachtet werden. Ein Hund frisst langsam, ein anderer sollte ungestört bleiben, und bei manchen ist schon die Frage wichtig, ob sie überhaupt mit gewohntem Appetit fressen.

Fütterung ist deshalb zugleich Versorgung und Kontrolle.

Wer sein Futter stehen lässt, ungewöhnlich hastig frisst oder plötzlich deutlich mehr trinken möchte, liefert eine Information. Sie muss nicht sofort etwas Dramatisches bedeuten. Aber sie gehört zum Bild dieses Tages.

Die Medikamente müssen beim richtigen Hund ankommen – in der richtigen Menge und zum richtigen Zeitpunkt. Bei einer größeren Gruppe funktioniert das nicht nach Gefühl. Es braucht Übersicht, Vorbereitung und die Ruhe, trotz wartender Hunde nicht durcheinanderzukommen.

Erst wenn alle versorgt sind, beginnt langsam der Teil des Morgens, den andere Menschen vermutlich „Arbeitsbeginn“ nennen würden.

 

Dann beginnt meine Remote-Arbeit

Ich arbeite remote in meinem eigenen Büro direkt auf dem Hof.

Während meiner Arbeitszeit kümmert sich Jürgen um die Hunde und den laufenden Hofalltag. Das ist für uns eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Beruf und Gnadenhof überhaupt miteinander vereinbaren lassen.

Für mich ist es trotzdem ein großes Glück, direkt vor Ort arbeiten zu können. Sollte tatsächlich einmal ein Notfall entstehen oder meine Unterstützung kurzfristig nötig sein, bin ich innerhalb weniger Minuten bei den Hunden. Gerade bei alten oder gesundheitlich angeschlagenen Tieren ist diese Nähe beruhigend und manchmal ausgesprochen hilfreich.

Im normalen Alltag aber gilt: Arbeitszeit bleibt Arbeitszeit. Während ich im Büro arbeite, übernimmt Jürgen draußen.

Die Nähe zum Hof macht vieles möglich.

Sie bedeutet nicht, dass die Stunden plötzlich doppelt vorhanden wären.

 

Reinigung und Organisation laufen nebenher

Ein Gnadenhof mit vielen alten und kranken Hunden bleibt nicht von allein sauber.

Decken und Auflagen müssen gewechselt, Böden gereinigt, Näpfe gespült und Wäsche gewaschen werden. Was bei einem einzelnen Hund eine kleine Zusatzaufgabe ist, wird bei einer großen Gruppe zu einem festen Bestandteil jedes Tages.

Dazu kommen Dinge, die auf keinem stimmungsvollen Hoffoto zu sehen sind: Medikamente sortieren, Futterbestände prüfen, Tierarzttermine abstimmen, Unterlagen ablegen, Nachrichten beantworten und neue Bestellungen organisieren.

Jürgen übernimmt den größten Teil der körperlichen Arbeiten auf dem Hof. Dazu gehören neben der Versorgung eines Teils der Hunde auch die Pferde, Stallarbeit, Heu, Zaunkontrollen, Reparaturen und all das, was an Gebäuden und Gelände nie lange fertig bleibt.

Wir arbeiten an unterschiedlichen Stellen – und trotzdem hängt fast alles zusammen. Fehlt Futter, muss es geholt werden. Ist ein Zaun beschädigt, wird aus einer geplanten Aufgabe sofort eine andere. Braucht ein Hund Hilfe, rutscht der Rest nach hinten.

 

Viele Tage haben einen festen zusätzlichen Programmpunkt: Tierarzt

Es gibt viele, viele Tage, an denen zusätzlich eine Fahrt zum Tierarzt auf dem Plan steht.

Manchmal geht es um eine Kontrolle. Manchmal um Blutuntersuchungen, Medikamente oder eine neue Auffälligkeit. Und manchmal wird aus einem Termin eine ganze Reihe weiterer Schritte.

Unser Tierarzt ist rund 30 Minuten entfernt – pro Strecke. Wenn die Praxis voll ist oder Untersuchungen länger dauern, ist schnell ein halber Tag vorbei. Die meisten Tierarztfahrten übernimmt Jürgen, aber unabhängig davon fehlt diese Zeit anschließend an anderer Stelle des Hofalltags.

Während ein Hund unterwegs untersucht wird, müssen die übrigen Tiere weiter versorgt werden. Mein Arbeitstag läuft weiter. Die Aufgaben, die für diesen Zeitraum geplant waren, lösen sich nicht auf. Sie warten.

An manchen Tagen ist eine Tierarztfahrt der einzige ungeplante Punkt.

An anderen ist sie nur der Anfang.

 

Spontane Zwischenfälle halten sich nicht an freie Zeitfenster

Ein Zwischenfall muss nicht spektakulär sein, um den Tagesablauf zu verändern.

Ein Hund frisst nicht. Ein Senior kommt schlecht auf die Beine. Eine Medikamentenbestellung fehlt. Irgendwo ist etwas kaputt, das für die Sicherheit der Tiere gebraucht wird. Das Wetter macht eine geplante Hofarbeit unmöglich oder verlangt plötzlich eine andere.

Vieles lässt sich schnell lösen.

Nur geschieht „schnell“ selten in einem leeren Tag. Es geschieht zwischen Arbeit, Versorgung, Reinigung und den Aufgaben, die ohnehin erledigt werden müssen.

Deshalb sieht ein Gnadenhofalltag von außen manchmal ruhig aus, obwohl im Hintergrund ständig Entscheidungen getroffen werden. Was muss sofort geschehen? Was kann bis zum Abend warten? Wer kann welchen Teil übernehmen?

Routine bedeutet nicht, dass nichts passiert.

Routine bedeutet, dass auch dann noch etwas funktioniert, wenn der Plan sich ändert.

 

Versorgung über den Tag

Nach der morgendlichen Runde sind die Hunde nicht bis zum Abend „fertig“.

Über den Tag wird weiter beobachtet. Hunde gehen hinaus und wieder hinein. Wasser wird kontrolliert. Je nach Bedarf gibt es weitere Medikamente, besondere Fütterungen oder eine zusätzliche Ruhephase.

Senioren haben gute und weniger gute Stunden. Ein Hund, der morgens steif aufgestanden ist, kann sich später besser bewegen. Ein anderer wirkt zunächst unauffällig und zeigt erst am Nachmittag, dass etwas nicht stimmt.

Auch die Gruppe selbst verändert ihren Rhythmus mit Wetter und Jahreszeit. Bei Hitze verlagert sich vieles in die kühleren Stunden. Im Winter muss früher mit Arbeiten begonnen werden, die draußen Licht brauchen.

Ein fester Ablauf hilft.

Er darf nur nicht so starr sein, dass der einzelne Hund darin verschwindet.

 

Am Abend beginnt die zweite große Versorgungsrunde

Wenn andere Menschen Feierabend haben, beginnt bei uns ein weiterer großer Teil des Tages.

Die Tiere werden erneut versorgt. Medikamente werden gegeben, Futter wird verteilt, die Hunde gehen hinaus und die Liegeplätze werden für die Nacht kontrolliert. Bei den Pferden und den anderen Tieren stehen ebenfalls die notwendigen Arbeiten an.

Im Winter wird es hier früh dunkel. Dann dauert allein die abendliche Grundversorgung mit zwei Personen mindestens eine bis anderthalb Stunden.

Und „Grundversorgung“ meint wirklich nur das, was in jedem Fall erledigt werden muss.

Wenn ein Hund zusätzliche Pflege braucht, etwas gereinigt werden muss oder die morgendliche Tierarztfahrt weitere Aufgaben hinterlassen hat, wird es entsprechend später.

Danach warten nicht selten noch berufliche oder organisatorische Arbeiten, die tagsüber liegen geblieben sind.

 

Der letzte Rundgang beendet den Tag – meistens

Bevor Ruhe einkehrt, schauen wir noch einmal nach allen.

Liegen die Senioren bequem? Ist jemand unruhig? Muss ein Hund noch einmal hinaus? Sind die Tiere so verteilt, dass alle sicher schlafen können?

Bei alten und kranken Hunden ist auch die Nacht keine vollständig planfreie Zeit. Manche müssen häufiger hinaus. Manche brauchen Hilfe beim Aufstehen. Und wenn ein Hund auffällig ist, schläft wenigstens ein Mensch deutlich leichter.

Der letzte Rundgang ist deshalb nicht nur das Ende des Tages.

Er ist gleichzeitig die Vorbereitung auf den nächsten Morgen.

 

Das Unspektakuläre trägt den ganzen Hof

Ein Gnadenhof lebt nicht von einzelnen großen Rettungsgeschichten.

Er lebt davon, dass morgens jemand genau hinsieht. Dass Medikamente nicht vergessen werden. Dass Futter, Wasser, saubere Liegeplätze und sichere Bereiche jeden Tag vorhanden sind. Dass ein Tierarzttermin organisiert wird, obwohl der Kalender längst voll ist. Und dass am Abend noch einmal kontrolliert wird, obwohl der Tag schon mehr als genug Stunden hatte.

Die besonderen Momente sind wichtig.

Aber möglich werden sie erst durch all die unscheinbaren Dinge dazwischen. 

 

Unser Fazit

Ein ganz normaler Tag auf unserem Gnadenhof besteht aus Versorgung, Arbeit, Beobachtung und sehr viel Organisation.

Er beginnt mit dem ersten Blick auf die Hunde und endet mit dem letzten. Dazwischen liegen Fütterungen, Medikamente, Reinigung, mein Vollzeitjob im Büro auf dem Hof, körperliche Arbeit, Tierarztfahrten und alles, was sich nicht angekündigt hat.

Selten ist ein einzelner Handgriff besonders spektakulär.

Entscheidend ist, dass all diese Handgriffe jeden Tag wieder zuverlässig geschehen.

Genau daraus besteht Gnadenhofalltag.

birgit hilse

 

Über die Autorin

Birgit Hilse leitet seit 2007 den Gnaden- und Seniorenhof von Pusztamonster e.V. Ihre Erfahrungen stammen aus dem täglichen Zusammenleben mit alten, chronisch kranken, ängstlichen und nicht vermittelbaren Hunden sowie aus langjähriger praktischer Tierschutzarbeit.

Sie verfügt unter anderem über die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz und verbindet praktische Erfahrung mit fachlicher Weiterbildung und einer realistischen Einordnung des Hundealltags.

Pusztamonster ev

 

Über Pusztamonster e.V.

Pusztamonster e.V. Gnaden- und Seniorenhof ist ein Tierschutzverein mit eigenem Gnadenhof in Ungarn. Bei uns leben vor allem alte, kranke, gehandicapte und traumatisierte Hunde, die oft nicht mehr vermittelt werden können oder sollen.

Seit fast 30 Jahren begleiten wir Hunde mit ganz unterschiedlichen Geschichten – von Seniorenhunden über Angsthunde bis hin zu ehemaligen Kettenhunden und Hunden mit besonderen Bedürfnissen.

In unserem Blog teilen wir Erfahrungen, Geschichten und Einblicke aus dem Alltag mit mehr als 30 Hunden – ehrlich, persönlich und direkt aus dem Leben auf dem Gnadenhof.