Warum saubere Kleidung mit Hund völlig überbewertet wird

 

Saubere Kleidung gibt es bei uns durchaus.

Solange ich damit im Schlafzimmer bleibe, stehen die Chancen sogar ausgezeichnet.

Unser Schlafzimmer ist hundefreie Zone. Dort kann ich mich frisch anziehen, ohne dass sich sofort jemand freundlich an die Hose lehnt, ein paar Haare beisteuert oder mit der Nase prüft, ob der Stoff wirklich neu ist.

Das Problem beginnt erst, wenn ich die Tür öffne und versuche, in diesem Zustand durch das Haus und anschließend bis zum Hoftor zu gelangen.

Sauber ist bei uns deshalb kein dauerhaft erreichbarer Zustand. Es ist der Zeitraum zwischen dem Anziehen und dem Verlassen des Schlafzimmers.

 

Das Schlafzimmer ist der letzte sichere Ort

Ein hundefreies Schlafzimmer hat viele Vorteile. Einer davon ist, dass Kleidung dort tatsächlich genauso aussieht, wie sie aus dem Schrank gekommen ist.

Keine Haare auf dem Pullover. Keine Nasenspur auf der Hose. Kein Pfotenabdruck an einer Stelle, bei der später niemand glaubt, dass ein Hund dafür verantwortlich war.

Man kann sich ordentlich anziehen, einen zufriedenen Blick in den Spiegel werfen und zu dem Ergebnis kommen: So kann ich unter Menschen gehen. Das stimmt auch. Man müsste nur einen Weg finden, das Schlafzimmer zu verlassen, ohne den Rest des Hauses zu betreten.

Sobald die Tür aufgeht, endet der theoretische Teil des Vorhabens. Dahinter beginnt das wirkliche Leben mit mehr als 30 Hunden – und das besitzt eigene Vorstellungen davon, wie vollständig ein frisch zusammengestelltes Outfit ist.

 

Der erste Hundekontakt lässt selten lange auf sich warten

Hunde müssen einen nicht anspringen, um Spuren zu hinterlassen. Das wäre viel zu offensichtlich.

Oft reicht ein freundliches Vorbeistreifen, eine Berührung an der Wade oder ein Hund, der sich kurz anlehnt, weil er Nähe im Vorbeigehen eine völlig vernünftige Idee findet.

Der Hund geht weiter. Auf der Hose bleibt ein feiner Belag zurück, der vorher noch nicht zur Farbgestaltung gehörte.

Niemand hat etwas angestellt. Es hat lediglich Kontakt zwischen Hund und Kleidung gegeben – und Kleidung geht daraus selten völlig unverändert hervor.

 

Hundehaare besitzen ein ausgezeichnetes Farbgefühl

Hundehaare haben eine bemerkenswerte Fähigkeit: Sie wählen zuverlässig den Untergrund, auf dem sie am besten zu sehen sind.

Helle Haare bevorzugen dunkle Kleidung, dunkle Haare helle Stoffe. Selbst auf gemusterten Sachen findet sich meistens eine Farbe, die sich deutlich genug abhebt.

In einem Haus mit mehr als 30 Hunden kann man saugen, wischen, waschen und bürsten – Hundehaare betrachten all das eher als vorübergehende organisatorische Maßnahmen.

Natürlich besitzen wir Fusselrollen, und sie funktionieren auch. Man müsste sie nur unmittelbar vor dem Verlassen des Grundstücks benutzen – am besten hinter dem Hoftor. Im Schlafzimmer hält das Ergebnis meist nur bis zur nächsten freundlichen Begegnung im Flur.

 

Frisch angezogene Hosen sind besonders kontaktfreudig

Die alte Hofhose kann einen ganzen Vormittag lang unbehelligt bleiben. Man läuft über den Hof, versorgt Hunde und erledigt Dinge, ohne dass sich eine einzige gut sichtbare Pfote für sie interessiert.

Zieht man dagegen eine saubere Hose an, verändert sich offenbar ihre Anziehungskraft.

Plötzlich lehnt sich ein Hund daran, eine Nase hinterlässt eine Spur oder eine Pfote trifft beim Aufstehen genau den Bereich, den später auch keine geschickt gehaltene Tasche verdeckt.

Ich bin inzwischen ziemlich sicher, dass Hunde sehr genau erkennen, wann ich ausnahmsweise saubere oder wichtige Kleidung trage. Die alte Hofhose ist völlig uninteressant. Frisch gewaschener Stoff dagegen scheint eine geradezu magnetische Wirkung zu entwickeln – und merkwürdigerweise möchten dann gern mehrere Hunde noch einmal kurz Kontakt aufnehmen.

Vielleicht fallen dieselben Spuren auf der Hofhose nur nicht mehr auf. Auf sauberem Stoff wird jedenfalls jeder Kontakt zum Beleg dafür, dass zwischen Anziehen und Abfahrt bereits Leben stattgefunden hat.

 

Pfotenabdrücke wissen, wann sie gebraucht werden

Pfotenabdrücke landen nur selten dort, wo sie niemanden stören würden.

Eine trockene Pfote auf staubiger Arbeitshose ist kaum der Rede wert. Auf einer frisch gewaschenen Hose besitzt dieselbe Pfote dagegen eine erstaunliche Ausdruckskraft.

Besonders zuverlässig funktioniert das, wenn man wirklich losmuss. Mit mehr als 30 Hunden bietet der Weg durch Haus und Hof genügend Gelegenheiten dafür – es sei denn, man bewegt sich durch das eigene Zuhause wie durch einen Hindernisparcours.

Ich habe deshalb irgendwann den Maßstab verändert.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: „Ist die Kleidung noch sauber?“

Sie lautet: „Ist der Pfotenabdruck wenigstens trocken?“

Wenn die Antwort ja ist, fällt das bei uns durchaus unter einen gelungenen Start.

 

„Nur noch schnell verabschieden“ ist ein taktischer Fehler

Kurz vor der Abfahrt gibt es einen Gedanken, der fast immer vernünftig klingt: Ich verabschiede mich nur noch schnell von einem Hund.

Schließlich möchte man nicht einfach zur Tür hinausgehen, wenn da jemand liegt, schaut oder noch einen kurzen Moment Nähe gebrauchen kann. Für die Kleidung ist es trotzdem ein gewisses Risiko.

Aus kurzem Streicheln wird leicht ein enger Kontakt mit der Hosenbeinnaht. Beim Herunterbeugen prüft eine Hundenase den Pullover. Vielleicht landet ein wenig Sabber am Ärmel, vielleicht bleiben ein paar zusätzliche Haare zurück.

Und bei einem alten Hund geht es manchmal gar nicht nur um Verabschiedung. Vielleicht hilft man noch beim Aufstehen, richtet einen Liegeplatz oder unterstützt dort, wo Hilfe gerade nötig ist. Dann ist saubere Kleidung in diesem Moment zu Recht nicht das wichtigste Thema im Raum.

Die Spuren entstehen nicht, weil ein Hund stört. Sie entstehen, weil Berührung, Versorgung und spontane Hilfe zu unserem gemeinsamen Alltag gehören. Einen sauberen und einen tierischen Teil dieses Lebens gibt es hier nun einmal nicht.

 

Von der Schlafzimmertür bis zum Hoftor

Das Verlassen des Grundstücks ist die eigentliche Bewährungsprobe.

Der Weg führt durch das Haus und fast nie ohne Zwischenstopp. Vielleicht wird noch ein Napf kontrolliert, vielleicht braucht jemand kurz Aufmerksamkeit.

Dann kommt der Hof. Je nach Wetter bringt er Staub, feuchte Pfoten oder genau die kleine schmutzige Stelle mit, die eine frisch angezogene Hose noch gebraucht hat, um wirklich hofzugehörig auszusehen.

Bis zum Tor ist nichts Dramatisches passiert. Viele selbstverständliche Kontakte haben saubere Kleidung nur nach und nach in Alltagskleidung verwandelt.

Meistens ist der Übergang so unauffällig, dass ich ihn erst bemerke, wenn ich bereits unterwegs bin.

 

Sauberkeit und Pünktlichkeit haben erstaunlich viel gemeinsam

Sauber am Hoftor anzukommen ist bei uns ungefähr so verlässlich planbar wie eine pünktliche Abfahrt.

Beides ist grundsätzlich möglich. Beides wird sorgfältig vorbereitet. Und bei beidem genügt ein einziger Hund, der kurz vor dem Aufbruch noch etwas braucht, um den ursprünglichen Plan freundlich zu überarbeiten.

Warum selbst ein großzügiges Zeitpolster mit Hund manchmal nicht bis zur Abfahrt reicht, erzählen wir im Beitrag „Warum man mit Hund nie pünktlich ist“.

Wer vor dem Losfahren noch einen Senior unterstützt, einen Wassernapf kontrolliert oder einen Hund in den Garten lässt, verliert möglicherweise ein paar Minuten – und gewinnt ziemlich sicher ein paar Haare. Das ist keine schlechte Organisation. Auf dem Weg zur Tür spielen hier eben noch andere Dinge eine Rolle als die eigene Jacke und der Autoschlüssel.

 

Der Anspruch verändert sich

Natürlich möchte ich nicht mit völlig verdreckter Kleidung zu einem Termin fahren. Es gibt Grenzen, und irgendwo auf dem Hof befinden sich auch Ersatzsachen.

Aber der Anspruch wird realistischer.

Ein paar Hundehaare bedeuten nicht, dass man ungepflegt ist. Eine kleine Nasenspur ist keine persönliche Niederlage. Und ein trockener Pfotenabdruck lässt sich je nach Position erstaunlich überzeugend ignorieren.

Menschen, die mit Tieren leben, erkennen solche Spuren ohnehin meistens sofort. Menschen ohne Tiere bemerken sie vielleicht. Dann wissen sie wenigstens, woher ich komme.

Kleidung muss hier nicht nur gut aussehen, sondern Alltag aushalten. Wenn sie dabei bis zum Hoftor makellos bleibt, ist das erfreulich. Es ist nur kein Ergebnis, mit dem wir fest rechnen.

 

Unser Fazit

Man kann sich auf einem Gnadenhof durchaus sauber anziehen.

Daraus folgt nur nicht automatisch, dass man auch sauber am Hoftor ankommt.

Wir besitzen ordentliche Kleidung, waschen sie regelmäßig und benutzen Fusselrollen. Wir ziehen uns auch weiterhin sauber an und tun beim Öffnen der Schlafzimmertür so, als ließe sich dieser Zustand bis zum Hoftor verteidigen. Ernsthaft rechnen wir nur nicht damit.

Und wenn ich mich entscheiden müsste zwischen einer makellosen Hose und einem Hund, der sich kurz vor der Abfahrt noch einmal an mich lehnt, hätte die Hose ohnehin schlechte Karten.

Sie würde verlieren. Jedes Mal.

 

birgit hilse

 

Über die Autorin

Birgit Hilse leitet seit 2007 den Gnaden- und Seniorenhof von Pusztamonster e.V. Ihre Erfahrungen stammen aus dem täglichen Zusammenleben mit alten, chronisch kranken, ängstlichen und nicht vermittelbaren Hunden sowie aus langjähriger praktischer Tierschutzarbeit.

Sie verfügt unter anderem über die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz und verbindet praktische Erfahrung mit fachlicher Weiterbildung und einer realistischen Einordnung des Hundealltags.

Pusztamonster ev

 

Über Pusztamonster e.V.

Pusztamonster e.V. Gnaden- und Seniorenhof ist ein Tierschutzverein mit eigenem Gnadenhof in Ungarn. Bei uns leben vor allem alte, kranke, gehandicapte und traumatisierte Hunde, die oft nicht mehr vermittelt werden können oder sollen.

Seit fast 30 Jahren begleiten wir Hunde mit ganz unterschiedlichen Geschichten – von Seniorenhunden über Angsthunde bis hin zu ehemaligen Kettenhunden und Hunden mit besonderen Bedürfnissen.

In unserem Blog teilen wir Erfahrungen, Geschichten und Einblicke aus dem Alltag mit mehr als 30 Hunden – ehrlich, persönlich und direkt aus dem Leben auf dem Gnadenhof.