Geradeauslaufen wird völlig überschätzt

Wenn ich in Deutschland bin, werde ich gelegentlich gefragt, ob ich meine Hunde nicht vermisse.

Meine Antwort sorgt meistens für große Augen.

Ich sage dann nämlich, dass es durchaus nett ist, einmal zwei Meter wie ein normaler Mensch einfach geradeaus laufen zu können.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass mir die Hunde egal wären, sobald ich das Hoftor hinter mir gelassen habe. Es bedeutet nur, dass man gewisse körperliche Freiheiten erst zu schätzen weiß, wenn sie im eigenen Alltag kaum vorkommen.

Auf unserem Hof ist Gehen keine schlichte Fortbewegung von A nach B. Es ist eine fortlaufende Abstimmung zwischen dem geplanten Weg, mehr als 30 Hunden, dem Sandboden und verschiedenen Gegenständen, die vor wenigen Sekunden noch nicht dort lagen.

 

Der kürzeste Weg ist bei uns selten eine gerade Linie

Man kann hier kaum drei Meter über den Hof laufen, ohne dass ein Hund unmittelbar vor die Füße läuft, plötzlich die Richtung wechselt, zwischen den Beinen hindurchgeht oder genau dort stehen bleibt, wo der nächste Schritt landen sollte.

Das geschieht nicht aus böser Absicht. Die Hunde führen keine gemeinsame Statistik darüber, wie oft sie mich innerhalb eines Vormittags zum Ausweichen gebracht haben. Sie bewegen sich einfach in meiner Nähe und verfolgen dabei jeweils eigene, offensichtlich wichtige Vorhaben.

Der eine möchte in den Garten. Der nächste möchte zurück ins Haus. Ein dritter hat unterwegs vergessen, was er eigentlich wollte, und hält deshalb am besten mitten im Weg kurz inne.

Für mich bedeutet das, dass ein geplanter Schritt nur ein Vorschlag ist. Er kann ausgeführt, verkürzt, seitlich verlegt oder im letzten Moment vollständig abgebrochen werden.

Wer uns dabei zusieht, erkennt schnell: Der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten mag mathematisch eine Gerade sein. Auf einem Gnadenhof ist er eher eine theoretische Möglichkeit.

 

Marley und Snow kontrollieren die Geschwindigkeit

Marley und Snow haben für den Fall, dass ich mich ihrer Meinung nach zu zielstrebig bewege, eine besonders wirkungsvolle Methode entwickelt: Sie halten mich am Fuß fest.

Nicht aggressiv und auch nicht mit der Absicht, mir wehzutun. Es ist eher ihre sehr persönliche Form der Geschwindigkeitsbegrenzung.

Ein Fuß, der eben noch Teil eines zügigen Schrittes war, gehört plötzlich vorübergehend nicht mehr allein mir. Dann hebt man das Bein ein wenig an, stellt fest, dass dort noch ein Hund beteiligt ist, und überdenkt den weiteren Bewegungsablauf.

Marley und Snow erreichen damit zuverlässig, was vermutlich beabsichtigt war: Zügiges Weitergehen findet zunächst nicht statt.

Man könnte natürlich stehen bleiben und in Ruhe warten. Meistens tut man das auch. Von außen sieht es trotzdem aus, als hätte man mitten im Schritt vergessen, wie Beine funktionieren.

 

Momo bevorzugt die Mitte

Momo hält keinen Fuß fest. Momo arbeitet großflächiger.

Er liebt es, den Kopf zwischen meine Beine zu schieben oder zu rammen. Besonders wirkungsvoll ist das genau dann, wenn ich gerade einen normalen Schritt machen möchte.

Ein Hundekopf zwischen den Beinen verändert die Statik eines Menschen erstaunlich schnell. Vorwärts ist vorerst keine vernünftige Richtung mehr. Seitwärts wird schwierig, und rückwärts sollte man erst prüfen, ob dort nicht bereits der nächste Hund steht.

Momo hat dabei nichts gegen mein Ziel. Es ist ihm nur in diesem Moment weniger wichtig als die unmittelbare Nähe zu mir.

Also bleibt man stehen, sortiert Hund, Beine und ursprünglichen Plan und setzt den Weg anschließend neu an. Mit etwas Glück ist die Strecke noch frei. Mit noch mehr Glück hat in der Zwischenzeit niemand einen Ball dort abgelegt.

 

Was eben noch kein Hindernis war

Laufwege auf unserem Hof verändern sich in Echtzeit.

Da liegt ein Stock, den irgendein Hund gerade noch getragen hat. Ein Ball rollt an eine Stelle, die eben frei war. Spielzeug taucht auf, wo vorher keines lag. Gelegentlich kommt ein Gegenstand hinzu, dessen Bedeutung für den Hund vermutlich sehr groß war, für uns aber nicht mehr eindeutig zu erkennen ist.

Der Hof ist deshalb nicht chaotisch. Er wird lediglich laufend von vielen Bewohnern genutzt, die andere Vorstellungen von einer sinnvollen Ablagefläche haben als wir.

Wer geradeaus gehen möchte, muss den Blick also nicht nur auf die Hunde richten. Er muss auch berücksichtigen, was die Hunde in den vergangenen dreißig Sekunden auf der Strecke hinterlassen haben.

Dass diese Form der Wegplanung eine pünktliche Abfahrt nicht unbedingt beschleunigt, versteht sich fast von selbst. Warum selbst großzügige Zeitreserven bei uns manchmal am Weg zum Hoftor scheitern, erzählen wir im Beitrag „Warum man mit Hund nie pünktlich ist“.

 

Unser Boden ist Strand – nur ohne Meer

Zu den beweglichen Hindernissen kommt ein sehr verlässlicher Mitspieler: unser Sandboden.

Unser Boden ist Strand – nur ohne Meer.

Je nachdem, wo man gerade läuft und was dort kurz zuvor passiert ist, ist der Sand festgetreten, locker, tief, rutschig oder von Hundepfoten gründlich aufgewühlt. Auch ohne direkten Hundekontakt kann ein Schritt deshalb anders enden als vorgesehen.

Besonders aufmerksam wird man bei den Löchern. Einzelne Hunde buddeln gern. Das wäre an sich übersichtlich, wenn ein Loch anschließend immer deutlich als Loch zu erkennen bliebe.

Gelegentlich liegen jedoch Blätter darüber oder lockerer Sand verdeckt die Kanten. Dann sieht der Boden aus, als befände er sich genau dort, wo man ihn erwartet. Erst beim Auftreten stellt man fest, dass diese Annahme optimistisch war.

Man stolpert nicht zwingend. Mit etwas Übung fängt man sich ab, verändert spontan die Richtung und geht weiter, als sei genau diese Bewegung von Anfang an geplant gewesen.

 

Absätze scheitern am Gemeinschaftsprojekt

Es spielt nur eine begrenzte Rolle, welche Schuhe ich trage.

Arbeitsschuhe schützen die Füße, machen aus lockerem Sand aber keinen festen Boden. In Sandalen findet der Sand seinen Weg ausgesprochen zuverlässig dorthin, wo man ihn nicht braucht. Barfuß weiß man dafür sehr genau, welcher Stock, Stein oder sonstige Gegenstand gerade unter dem Fuß liegt.

Jede Variante besitzt ihre eigenen Vorzüge und ihre eigenen kleinen Nachteile.

Hohe oder auch nur etwas höhere Absätze sind dagegen praktisch ausgeschlossen. Dafür müssten sowohl der Boden als auch die Umgebung bereit sein, einen einigermaßen geraden, berechenbaren Schritt zu unterstützen.

Der Sandboden und die Hunde haben sich in dieser Frage offenbar verständigt. Sie verhindern gemeinsam jeden Versuch, den Hof mit einem eleganten Auftritt zu überqueren.

Wer dabei zusätzlich Bällen, Stöcken und freundlichen Hundekörpern ausweicht, darf übrigens auch nicht fest damit rechnen, sauber am Tor anzukommen. Mit diesem verwandten Problem beschäftigt sich unser Beitrag „Warum saubere Kleidung mit Hund völlig überbewertet wird“.

 

Der Pálinka-Verdacht

Für Außenstehende dürfte ein Gang über unseren Hof gelegentlich so aussehen, als hätten wir zu tief in den Pálinka geschaut, jene in Ungarn sehr beliebte Spirituose.

Dabei trinken wir ihn gar nicht.

Der Eindruck entsteht ausschließlich durch die besondere Schrittfolge: zwei Schritte vorwärts, einer zur Seite, abrupt stehen bleiben, einen Fuß anheben, weil Marley oder Snow noch daran beteiligt sind, über einen Hund steigen, einem Ball ausweichen, im lockeren Sand kurz wegrutschen und das eben entdeckte Loch in einem kleinen Bogen umgehen.

Alles vollkommen nüchtern. Nur nicht besonders geradlinig.

Wer häufiger auf dem Hof unterwegs ist, erklärt diese Bewegungen nicht mehr. Man fängt sich ab, weicht aus und setzt den Weg fort. Vermutlich fällt uns selbst längst nicht mehr auf, wie es aussieht.

 

Man entwickelt eine eigene Gangart

Mit vielen Hunden lernt man eine Art der Fortbewegung, die in keinem Lauftraining vorkommt.

Der Blick bleibt automatisch im unteren Bereich. Schritte werden ein wenig kleiner. Das Gewicht liegt möglichst so, dass eine Bewegung noch abgebrochen werden kann. Man nimmt wahr, was vor, neben und zwischen den Füßen geschieht, ohne jedes Mal bewusst darüber nachzudenken.

Man läuft vorausschauend, aber nicht ängstlich. Ausweichen ist kein Zwischenfall mehr, sondern Bestandteil des Weges.

Diese Hofgangart ist so selbstverständlich geworden, dass mir ihre Besonderheit erst auffällt, wenn sie nicht nötig ist. In Deutschland kann ich einen Gehweg entlanglaufen, ohne dass jemand vor meinen Füßen die Richtung wechselt. Ich muss nicht prüfen, ob Momo gleich in der Mitte auftaucht. Niemand hält meinen Fuß fest, und der Boden bleibt mit erstaunlicher Verlässlichkeit dort, wo er eben noch war.

Dann gehe ich tatsächlich zwei Meter einfach geradeaus.

Es fühlt sich ungewohnt luxuriös an.

 

Unser Fazit

Geradeauslaufen ist auf unserem Gnadenhof durchaus möglich. Es ist nur selten die sinnvollste Form der Fortbewegung.

Die Hunde sind dabei keine Hindernisse, die aus dem Weg müssten. Ihre Nähe gehört zu unserem Alltag, genauso wie Sand, Spielzeug und die kleinen Umwege, die man irgendwann macht, ohne darüber nachzudenken.

Wenn ich in Deutschland bin, genieße ich es deshalb wirklich, einmal zwei Meter wie ein normaler Mensch geradeaus gehen zu können.

Nach einer Weile fehlt allerdings etwas. Niemand läuft mir zwischen die Beine, hält meinen Fuß fest oder legt noch schnell einen Ball in die geplante Strecke.

Geradeauslaufen ist nett.

Auf Dauer würde es mir vermutlich doch ein wenig langweilig werden.

 

birgit hilse

 

Über die Autorin

Birgit Hilse leitet seit 2007 den Gnaden- und Seniorenhof von Pusztamonster e.V. Ihre Erfahrungen stammen aus dem täglichen Zusammenleben mit alten, chronisch kranken, ängstlichen und nicht vermittelbaren Hunden sowie aus langjähriger praktischer Tierschutzarbeit.

Sie verfügt unter anderem über die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz und verbindet praktische Erfahrung mit fachlicher Weiterbildung und einer realistischen Einordnung des Hundealltags.

Pusztamonster ev

 

Über Pusztamonster e.V.

Pusztamonster e.V. Gnaden- und Seniorenhof ist ein Tierschutzverein mit eigenem Gnadenhof in Ungarn. Bei uns leben vor allem alte, kranke, gehandicapte und traumatisierte Hunde, die oft nicht mehr vermittelt werden können oder sollen.

Seit fast 30 Jahren begleiten wir Hunde mit ganz unterschiedlichen Geschichten – von Seniorenhunden über Angsthunde bis hin zu ehemaligen Kettenhunden und Hunden mit besonderen Bedürfnissen.

In unserem Blog teilen wir Erfahrungen, Geschichten und Einblicke aus dem Alltag mit mehr als 30 Hunden – ehrlich, persönlich und direkt aus dem Leben auf dem Gnadenhof.