Füttern mit vielen Hunden – zwischen Routine, Sonderwünschen und kleinen Katastrophen

Von außen könnte man meinen, Füttern auf einem Gnadenhof sei im Grunde ganz einfach: viele Näpfe füllen, viele Hunde rufen, kurz warten – fertig.

Schön wäre es.

Bei uns ist Füttern eine Mischung aus festen Plätzen, mehreren Runden, Spezialfutter, Medikamenten, wartenden Hunden und einem Ablauf, den die Hunde wahrscheinlich mindestens ebenso gut kennen wie wir. Dazu kommen gelegentlich kleine Katastrophen: ein umgekippter Napf, eine sorgfältig versteckte Tablette, die als einziges Stück im Napf liegen bleibt, oder ein Hund, der seinen seit Jahren bekannten Futterplatz an diesem Tag offenbar noch einmal grundsätzlich neu verhandeln möchte.

Füttern ist bei uns nicht nur Versorgung. Es ist Organisation, Beobachtung, Gesundheitskontrolle und jeden Tag ein kleines Stück eingespielter Alltag.

Viele Hunde, viele Näpfe – und noch mehr Unterschiede

Auf unserem Gnadenhof leben mehr als 30 Hunde. Wie unterschiedlich das Zusammenleben in einer so großen Gruppe aussehen kann, haben wir bereits im Beitrag „Leben mit 34 Hunden – funktioniert das überhaupt?“ erzählt.

Diese Unterschiede zeigen sich auch beim Füttern.

Manche Hunde würden am liebsten schon beim Öffnen der Futterdose überprüfen, ob die Portion wirklich angemessen ist. Andere warten erstaunlich geduldig. Einige fressen langsam und sorgfältig, andere erwecken den Eindruck, ihr Napf müsse innerhalb weniger Sekunden geleert werden, weil gleich eine längere Hungersnot ausbrechen könnte.

Dazu kommen sehr unterschiedliche gesundheitliche Bedürfnisse. Bei uns leben Senioren, Allergiker, chronisch kranke Hunde und eine Diabetikerin. Manche brauchen besonders leicht verdauliches Futter, andere eine genau festgelegte Futtersorte. Wieder andere bekommen Medikamente direkt mit ihrer Mahlzeit.

Einfach einen großen Bottich Futter hinzustellen und alle machen zu lassen, wäre unter diesen Bedingungen keine besonders gute Idee.

Warum unsere Hunde feste Futterplätze haben

Die Hunde, die im Haus gefüttert werden, bekommen ihr Futter in festen Gitter-Hundeboxen. Jeder Hund hat beim Füttern seinen festen Platz, und auch die Reihenfolge bleibt normalerweise gleich.

Manche Boxen werden während einer Fütterung sogar mehrfach belegt. Zuerst frisst dort ein Hund aus Runde eins. Danach wird die Box wieder vorbereitet und von einem Hund aus Runde zwei oder drei genutzt.

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht ein wenig nach einem komplizierten Stundenplan. Für die Hunde ist es jedoch ein sehr verlässlicher Ablauf. Sie wissen, wann sie an der Reihe sind, wo ihr Futter steht und dass ihnen niemand den Napf streitig machen wird.

Die Boxen gehören außerdem zum normalen Hausalltag und dienen den Hunden auch als Rückzugsorte. Sie sind vertraute Plätze, keine Strafräume.

Besonders dekorativ sind sie zugegebenermaßen nicht. Vermutlich wird auch kein Wohnmagazin demnächst begeistert bei uns anrufen und eine Fotostrecke über stilvolle Gitterelemente im Landhausambiente planen.

Aber sie sind praktisch. Und in unserem Alltag ist praktisch ausgesprochen viel wert.

Ein System, das aus Erfahrung entstanden ist

Dieses Fütterungssystem war nicht von Anfang an da. Es ist auch nicht am Schreibtisch entstanden, weil wir eines Tages beschlossen haben, die Fütterung möglichst kompliziert zu gestalten.

Es entwickelte sich, nachdem innerhalb relativ kurzer Zeit mehrere Hunde zu uns kamen, die schlimmen Hunger erlebt hatten. Für diese Hunde war Futter keine selbstverständliche tägliche Versorgung. Es war etwas, das verteidigt, verschlungen oder möglichst schnell gesichert werden musste.

Der daraus entstandene Futterstress war teilweise enorm. Es reichte nicht, genügend Näpfe mit etwas Abstand aufzustellen. Die Anspannung begann bereits während der Vorbereitung und nahm mit jedem Geräusch aus der Futterküche zu.

Wir brauchten deshalb eine Lösung, die nicht nur verhinderte, dass ein Hund einem anderen den Napf leerte. Sie musste den Hunden vermitteln: Dein Futter steht an deinem Platz. Du kannst in Ruhe fressen. Niemand nimmt es dir weg.

Was Basti uns über Futterstress gezeigt hat

Ein besonders prägendes Beispiel war unser inzwischen verstorbener Basti.

Basti regte sich beim Füttern so sehr auf, dass wir seine Box fixieren mussten. Ohne diese Sicherung bestand die Gefahr, dass er sich vor lauter Aufregung mitsamt der Box umwarf.

Im Rückblick klingt das beinahe wie eine der Geschichten, über die man später schmunzelt: ein Hund, ein Futternapf und eine Box, die dem geballten Enthusiasmus nicht gewachsen war.

Der Hintergrund war allerdings ernst. Bastis Aufregung war keine schlechte Angewohnheit und keine alberne Marotte. Sie erzählte etwas über seine Vorgeschichte und darüber, wie wenig selbstverständlich Futter für ihn einmal gewesen sein musste.

Hunde lassen solche Erfahrungen nicht einfach an der Tür zurück, wenn sie an einen sicheren Ort kommen. Manche lernen schnell, dass es von nun an regelmäßig Futter gibt. Andere brauchen sehr lange, bis ihr Körper und ihr Verhalten dieser neuen Sicherheit wirklich vertrauen.

Bei Basti wurde besonders deutlich, wie wichtig ein fester, geschützter Futterplatz sein kann. Nicht als Erziehungsmaßnahme, sondern als verlässlicher Rahmen.

So läuft die Fütterung im Haus ab

Die ersten Hunde gehen auf ihre festen Plätze und bekommen ihre Näpfe. Während sie in Ruhe fressen, können wir bereits die nächste Runde vorbereiten.

Niemand muss zwischen den Hunden stehen und gleichzeitig mehrere Näpfe bewachen. Kein langsamer Hund wird von einem schnelleren verdrängt. Kein Hund kann spontan entscheiden, dass die Portion des Nachbarn deutlich interessanter aussieht. Und auch ein besonders engagierter Schnellesser muss warten, bis er wieder aus seiner Box kommt.

Wenn die erste Runde fertig ist, werden die Näpfe eingesammelt, die Boxen kontrolliert und für die nächsten Hunde vorbereitet.

Natürlich läuft auch ein eingespieltes System nicht jeden Tag wie ein Schweizer Uhrwerk. Manchmal wird getrödelt. Manchmal bleibt ausgerechnet das Medikament übrig, obwohl alles andere sorgfältig darum herum abgeschleckt wurde. Und manchmal schaut ein Hund so empört, als hätten wir die Reihenfolge ohne sein schriftliches Einverständnis geändert.

Trotzdem sorgt der feste Ablauf insgesamt für deutlich mehr Ruhe.

Die Boxen sind keine allgemeine Empfehlung

Unser Boxensystem ist eine Lösung, die sich für unsere besondere Hundegruppe, unsere räumlichen Möglichkeiten und unseren Alltag bewährt hat. Es ist ausdrücklich keine pauschale Empfehlung für jede Mehrhundehaltung.

In einer anderen Hundegruppe kann es hervorragend funktionieren, die Hunde mit genügend Abstand unter Aufsicht zu füttern. Manche Hunde fressen problemlos in verschiedenen Räumen. In anderen Gruppen kann eine ganz andere Aufteilung sinnvoll sein.

Auch die Fütterung aus größeren Behältern oder ständig zugängliche Futterstellen können unter bestimmten Bedingungen funktionieren. Für unsere Hunde haben sich diese Möglichkeiten jedoch nicht bewährt.

Bei uns leben zu viele Hunde mit unterschiedlichen Vorgeschichten, Erkrankungen, Medikamenten und Futterregeln. Deshalb brauchen wir eine Lösung, bei der jede Portion eindeutig einem Hund zugeordnet bleibt.

Die Boxen sind weder Wohnungsdeko noch ein allgemeines Trainingskonzept. Sie sind ein praktisches Alltagssystem. Es geht nicht um Perfektion, sondern um Sicherheit, Übersicht und Ruhe.

Warum die Kontrolle beim Fressen so wichtig ist

Die getrennte Fütterung hat einen weiteren großen Vorteil: Wir sehen bei jedem einzelnen Hund, ob und wie viel er gefressen hat.

In einer kleinen Hundegruppe fällt meistens schnell auf, wenn ein Napf stehen bleibt. Bei mehr als 30 Hunden wäre das ohne getrennte Plätze wesentlich schwieriger. Ein leerer Napf würde schließlich nicht automatisch bedeuten, dass der Hund, für den er bestimmt war, auch tatsächlich gefressen hat. Vielleicht war nur ein besonders hilfsbereiter Mitbewohner schneller.

Gerade bei alten oder chronisch kranken Hunden kann eine Veränderung des Appetits eine wichtige Beobachtung sein. Nicht jede ausgelassene Mahlzeit ist sofort ein Notfall. Aber wenn ein Hund, der normalerweise zuverlässig frisst, plötzlich sein Futter verweigert, schauen wir genauer hin.

Bei Erkrankungen wie Babesiose können Futterverweigerung und erhöhte Körpertemperatur zu den frühen Warnzeichen gehören. Da sich der Zustand eines Hundes bei einer akuten Babesiose innerhalb kurzer Zeit erheblich verschlechtern kann, ist frühes Bemerken besonders wichtig.

Das Fressverhalten liefert keine Diagnose. Es kann uns aber darauf aufmerksam machen, dass etwas nicht stimmt und ein Hund genauer beobachtet oder tierärztlich untersucht werden sollte.

Spezialfutter, Medikamente und Senioren-Sonderregeln

Nicht jeder Napf enthält bei uns dasselbe.

Unsere Diabetikerin braucht eine auf ihre Erkrankung abgestimmte Versorgung. Allergiker dürfen nicht versehentlich das Futter eines anderen Hundes übernehmen. Manche Senioren bekommen besonders leicht verdauliche Mahlzeiten. Andere Hunde benötigen Medikamente, die direkt unter das Futter gemischt werden.

Dabei reicht es nicht zu wissen, dass der Napf leer ist. Wir müssen auch sicher sein, dass das Medikament tatsächlich mitgefressen wurde und nicht unauffällig am Rand liegt oder wieder ausgespuckt wurde.

Ohne getrennte Futterplätze könnte ein schneller Hund das Spezialfutter eines anderen fressen, während der Hund, für den es bestimmt war, leer ausgeht. Ebenso könnte ein Medikament im falschen Hund landen.

Was bei gesunden Hunden vielleicht nur zu einer zusätzlichen Portion führen würde, kann bei kranken oder empfindlichen Hunden ein echtes Problem werden.

Die feste Zuordnung macht deshalb nicht nur die Fütterung übersichtlicher. Sie ist ein wichtiger Teil der täglichen Versorgung.

Draußen übernehmen die Ställe die Aufgabe der Boxen

Nicht alle Hunde werden im Haus gefüttert. Draußen funktioniert das System nach demselben Grundgedanken.

Dort übernehmen die verschiedenen Ställe die Aufgabe, die im Haus die Boxen haben. Auch hier gibt es getrennte Bereiche, feste Abläufe und die Möglichkeit, in Ruhe zu kontrollieren, welcher Hund gefressen hat.

Die konkrete Umgebung ist eine andere, das Ziel bleibt gleich: Jeder Hund bekommt seine Mahlzeit, sein Spezialfutter und seine Medikamente, ohne bedrängt zu werden oder mit einem anderen Hund tauschen zu müssen.

Feste Abläufe geben Sicherheit

Hunde beobachten Abläufe sehr genau. Sie wissen, welche Geräusche zur Fütterung gehören, welche Tür zuerst geöffnet wird und wann ihre Runde beginnt.

Diese Vorhersehbarkeit hilft besonders Hunden, die früher Hunger, Konkurrenz oder Unsicherheit erlebt haben. Sie müssen nicht bei jeder Mahlzeit neu herausfinden, ob genug für sie übrig bleibt. Sie müssen ihr Futter nicht verteidigen und keinen anderen Hund im Blick behalten.

Ein fester Ablauf nimmt nicht jede Aufregung. Bei manchen Hunden bleibt die Begeisterung für Futter bis ins hohe Alter beeindruckend ausgeprägt. Aber die Struktur verhindert, dass aus Aufregung unnötiger Stress oder ein Konflikt wird.

Dabei ist nicht allein die Box entscheidend. Entscheidend ist der verlässliche Ablauf, der mit ihr verbunden ist.

Es gibt nicht die eine richtige Lösung

Mehrhundehaltung besteht zu einem großen Teil daraus, genau hinzuschauen: Welche Hunde leben hier? Welche Erfahrungen bringen sie mit? Welche gesundheitlichen Bedürfnisse haben sie? Wo entstehen Anspannung oder Konkurrenz? Und welche räumlichen Möglichkeiten stehen zur Verfügung?

Eine Lösung, die bei fünf entspannten Hunden wunderbar funktioniert, kann bei einer großen Gruppe mit ehemaligen Hungerhunden, Senioren, Allergikern und chronisch kranken Hunden ungeeignet sein.

Umgekehrt braucht eine kleine, stabile Hundegruppe nicht automatisch unser System.

Unser Fütterungsablauf ist deshalb kein Modell, das andere einfach übernehmen sollten. Er ist ein Beispiel dafür, wie im Gnadenhof-Alltag aus praktischer Erfahrung nach und nach ein tragfähiges System entstehen kann.

Fütterung ist ein Stück Alltagssicherheit

Am Ende geht es bei unserer Fütterung nicht nur darum, dass jeder Hund satt wird.

Es geht darum, dass ein langsamer Senior seine Mahlzeit in Ruhe fressen kann. Dass ein Allergiker wirklich nur sein eigenes Futter bekommt. Dass Medikamente dort ankommen, wo sie hingehören. Dass wir Veränderungen im Appetit bemerken. Und dass ein Hund mit schlimmen Hungererfahrungen nicht jeden Tag erneut um seine Mahlzeit fürchten muss.

Dafür braucht es viele Näpfe, feste Plätze, einen ziemlich guten Überblick und manchmal auch eine sicher befestigte Box.

Vor allem braucht es aber die Bereitschaft, ein System immer wieder an die Hunde anzupassen, die gerade bei uns leben.

Denn bei vielen Hunden ist Füttern nicht nur Versorgung. Es ist Beobachtung, Sicherheit, Gesundheitskontrolle und jeden Tag ein kleines Stück eingespielte Organisation.

 

birgit hilse

 

Über die Autorin

Birgit Hilse leitet seit 2007 den Gnaden- und Seniorenhof von Pusztamonster e.V. Ihre Erfahrungen stammen aus dem täglichen Zusammenleben mit alten, chronisch kranken, ängstlichen und nicht vermittelbaren Hunden sowie aus langjähriger praktischer Tierschutzarbeit.

Sie verfügt unter anderem über die Erlaubnis nach § 11 Tierschutzgesetz und verbindet praktische Erfahrung mit fachlicher Weiterbildung und einer realistischen Einordnung des Hundealltags.

Pusztamonster ev

 

Über Pusztamonster e.V.

Pusztamonster e.V. Gnaden- und Seniorenhof ist ein Tierschutzverein mit eigenem Gnadenhof in Ungarn. Bei uns leben vor allem alte, kranke, gehandicapte und traumatisierte Hunde, die oft nicht mehr vermittelt werden können oder sollen.

Seit fast 30 Jahren begleiten wir Hunde mit ganz unterschiedlichen Geschichten – von Seniorenhunden über Angsthunde bis hin zu ehemaligen Kettenhunden und Hunden mit besonderen Bedürfnissen.

In unserem Blog teilen wir Erfahrungen, Geschichten und Einblicke aus dem Alltag mit mehr als 30 Hunden – ehrlich, persönlich und direkt aus dem Leben auf dem Gnadenhof.